Weitblick – heute für morgen
Vor mehr als fünf Jahren ist die Koehler-Gruppe mit einer Großinvestition in den Markt der flexiblen Verpackungspapiere eingestiegen – eine strategische Entscheidung. Wie hat sich der Markt entwickelt? Ermutigen die Rahmenbedingungen, auf den nachwachsenden, kreislauffähigen Rohstoff Papier zu wechseln? Und welche Rolle spielt eine kluge, langfristige Strategie? Ein Interview mit den Vorständen Kai Furler, Dr. Stefan Karrer, Frank Lendowski und Philipp Prechtl.
Familienunternehmen denken langfristig. Die Koehler-Gruppe hat mit Weitblick die Entwicklungen in der Papierbranche aufgegriffen. Haben sich die Erwartungen von vor sechs Jahren bestätigt?
Kai Furler — Im Jahr 2018 haben wir die größte Einzelinvestition in der Geschichte der Koehler-Gruppe beschlossen – den Bau der Produktionslinie 8 für 300 Millionen Euro. Das war unser Einstieg in den Wachstumsmarkt der flexiblen Verpackungspapiere. Unser Anspruch ist es, Marktführer zu werden – und wir sind hier auf einem sehr guten Weg. In den vergangenen Jahren hat unser Forschungsbereich Koehler Innovation & Technology mit Hochdruck an neuen Produkten gearbeitet.
Unsere innovativen Papierlösungen können vielfach wiederverwertet werden – gelebte Kreislaufwirtschaft eben. Zahlreiche Marken setzen unsere flexiblen Verpackungspapiere weltweit bereits ein. Eine neue repräsentative Studie des Umfrageinstituts Appinio hat zuletzt bestätigt, dass über 90 Prozent der Konsumenten es unterstützen, Kunststoffverpackungen durch Papier und Pappe zu ersetzen. Bereits rund 65 Prozent greifen im stationären Handel bevorzugt zu Papier- oder Pappverpackungen.
Haben wir heute schon den Punkt der „Paperization“ erreicht, den wir uns beim Markteintritt vor fünf Jahren vorgestellt haben? Eindeutig nicht, dazu haben wir einen zu hohen Anspruch. Das laufende Jahr ist in vielerlei Hinsicht entscheidend für die weitere Entwicklung des Marktes.
Verfügen Sie technisch über die Möglichkeiten, um den Markt der flexiblen Verpackungspapiere zu bedienen?
Dr. Stefan Karrer — Ja. Wir haben vorausschauend geplant und früh in einen Markt investiert, der sich gerade erst entwickelt. Mit der Produktionslinie 8 in Kehl verfügen wir über die modernste Produktionsline für flexible Verpackungspapiere weltweit. Und mit 1.400 Metern pro Minute ist die Papiermaschine 8 auch die schnellste weltweit. Sie verfügt über einen Glättzylinder, der mit einem Durchmesser von mehr als 7 Metern der größte weltweit ist und für die hohe Glätte und damit auch die hohe Qualität unserer Verpackungspapiere sorgt. Die zur Produktionslinie gehörende Streichmaschine 8 hat einen sogenannten Curtain-Coater und kann drei Striche in einem Durchgang auftragen. Das ist besonders effizient und kostensparend – und in dieser Konstellation einmalig am Markt. In Summe ist die Produktionslinie auf eine Kapazität von 120.000 Tonnen flexibles Verpackungspapier pro Jahr ausgelegt. Beste technische Voraussetzungen also.
Mit der Produktionslinie 8 in Kehl verfügt Koehler über die modernste Anlage für flexible Verpackungspapiere weltweit.
flexibles Verpackungspapier pro Jahr können auf der Produktionslinie 8 in Kehl produziert werden.
Die Entwicklung des Marktes hängt also nicht an den technischen Möglichkeiten?
Dr. Stefan Karrer — Nein. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht und verfügen über wettbewerbsfähige Papierlösungen auf dem Markt, die Kunststofffolie ersetzen können. Jetzt muss die Politik Anreize schaffen. Aus unserer Sicht sind diese derzeit für große Markenartikler nicht ausreichend, um tatsächlich auf kreislauffähiges Papier zu wechseln. Zum Beispiel sollten Inverkehrbringer finanzielle Vorteile bei der Entsorgung der Verpackungen oder bei CO2-Abgaben genießen. Wir wissen von mehreren großen globalen Konzernen, die über Jahre mit uns in die Entwicklung und groß angelegte Markttests gegangen sind, um für den Fall vorbereitet zu sein, dass sie durch den Markt – ob Regulatorik oder Konsument – dazu bewegt werden, auf Papier umzusteigen.
Aktuell wird es in Deutschland etwa Herstellern von Lebensmitteln durch die bestehenden gesetzlichen Regelungen sogar erschwert, auf umweltfreundlichere, gut recyclebare Papier-basierte Verpackungen umzustellen. Zudem sind die Rahmenbedingungen für uns – als ausschließlich in Deutschland produzierendes Unternehmen – nicht einfach. Im internationalen Wettbewerb haben wir aufgrund der hohen Energiekosten am Produktionsstandort Deutschland einen Nachteil. Um Wertschöpfung und Arbeitsplätze am Standort Deutschland zu sichern, brauchen wir verlässlich kalkulierbare und international wettbewerbsfähige Preise für Energie aus dem öffentlichen Netz.
Unser Anspruch ist es, Marktführer zu werden – und wir sind hier auf einem sehr guten Weg.
Unser Anspruch ist es, Marktführer zu werden – und wir sind hier auf einem sehr guten Weg.
Vorstandsvorsitzender
Kai Furler, geboren 1974 in Oberkirch, ist Vorstandsvorsitzender der Koehler-Gruppe und vertritt die achte Generation der Unternehmerfamilie. Nach Aufenthalten in London und Paris schloss er 1999 sein Betriebswirtschaftsstudium an der Munich Business School ab. Anschließend sammelte er an verschiedenen internationalen Stationen Erfahrung zur Vorbereitung auf seinen Eintritt in die Koehler-Gruppe. 2003 trat der Vater von drei Kindern in das Unternehmen ein, wurde 2007 kaufmännischer Vorstand und übernahm 2011 den Vorsitz des Vorstands.
Wie schwer ist es, im operativen Tagesgeschäft den strategischen Blick auf die langfristigen Entscheidungen zu behalten?
Kai Furler — Das ist eine gute Frage. Wir möchten kurzfristige Maßnahmen und den Erfolg unserer flexiblen Verpackungspapiere in den Fokus nehmen, dabei aber den langfristigen strategischen Blick behalten. Daher hat der Aufsichtsrat beschlossen, den Vorstand der Koehler-Gruppe zu erweitern: Seit 1. Januar 2026 liegt der Fokus von Philipp Prechtl auf der Strategie der Gruppe. So können wir diese konsequent weiterentwickeln und implementieren, das Wachstum sichern und die Ertragskraft weiter steigern.
Wie wichtig uns die langfristige strategische Sicht ist, hat nicht zuletzt der Zukauf des Logistikunternehmens Klumpp + Müller gezeigt. Mit diesem Schritt haben wir uns die elementar wichtige Logistikkette für unseren Zellstoff, den Basisrohstoff für unsere Papierproduktion, gesichert. Klumpp + Müller ermöglicht uns den trimodalen Zugang im Hafen Kehl und dadurch langfristig die Belieferung unserer Werke. Das bringt uns Unabhängigkeit und vor allem Planbarkeit.
300 Millionen Euro kostete die größte Einzelinvestition in der Geschichte der Gruppe.
Warum ist der strategische Blick gerade in Zeiten wie diesen so wichtig?
Philipp Prechtl — Die Koehler-Gruppe ist ein großartiges Unternehmen, das in den vergangenen Jahren viel erreicht hat. Es ist die Mischung aus Bodenständigkeit und unternehmerischem Mut, die uns an den Punkt gebracht hat, an dem wir heute stehen. Familienunternehmen haben mir in meiner Vergangenheit als Berater immer besonders gut gefallen: schnelle Entscheidungen, Gestaltungsspielräume, Tatendrang. Genau das erlebe ich bei Koehler jeden Tag. Gleichzeitig ist die Welt komplexer geworden: Das Umfeld ist herausfordernd, der Wettbewerb intensiv, die Rahmenbedingungen verändern sich ständig. Ich werde daher einen Fokus darauf legen, dass wir an den richtigen Themen arbeiten und immer wieder Prioritäten schärfen, um erfolgreich zu bleiben. In schwierigen Zeiten müssen wir mit unserer starken wirtschaftlichen Basis die Chancen nutzen, die sich für uns ergeben.
Wir haben vorausschauend geplant und früh in einen Markt investiert, der sich gerade erst entwickelt.
Wir haben vorausschauend geplant und früh in einen Markt investiert, der sich gerade erst entwickelt.
Vorstand Technik
Dr. Stefan Karrer, geboren 1965 in Augsburg, kam 2016 als technischer Vorstand zur Koehler-Gruppe. Zuvor war er in verschiedenen Top-Management-Positionen in der Papierindustrie tätig, unter anderem als Geschäftsführer der Sappi Group Papierfabrik in Alfeld. Dr. Stefan Karrer ist Vorstandsmitglied in verschiedenen Fachausschüssen, unter anderem im deutschen Branchenverband „Die Papierindustrie e. V.“. Der Vater von zwei Kindern promovierte (Dr. techn.) an der Technischen Universität Graz (Österreich) und ist zertifizierter Aufsichtsrat der Deutschen Börse sowie Mitglied eines Aufsichtsrats.
Bringt ein klarer Fokus auf strategische Aspekte auch direkte Vorteile im operativen Alltag?
Philipp Prechtl — Selbstverständlich. Daher werde ich mich auch im Alltag bei operativen Themen einbringen. Es geht mir aber nicht um Mikromanagement, sondern um Klarheit, Priorität und die Umsetzung. Ich unterstütze beispielsweise dabei, die richtigen Rahmenbedingungen für unsere flexiblen Verpackungspapiere zu schaffen, damit wir weiter wachsen können. Dabei geht es um politische Rahmenbedingungen, aber auch um interne Organisationsentwicklung. Strategie ist dabei der Weg zum Ziel, ihre konsequente Umsetzung ist also von großer Bedeutung.
Wir müssen mit unserer starken wirtschaftlichen Basis die Chancen nutzen, die sich für uns ergeben.
Wir müssen mit unserer starken wirtschaftlichen Basis die Chancen nutzen, die sich für uns ergeben.
Vorstand Strategie
Philipp Precht, geboren 1978 in München, ist seit 2022 in der Koehler-Gruppe tätig und Geschäftsführer bei Koehler Innovative Solutions sowie Koehler Invest. Seit 2026 ist er Vorstand für Strategie bei der Koehler-Gruppe und verantwortet die Bereiche Innovation, Digitale Transformation sowie Marketing & Kommunikation. Darüber hinaus ist er Mitglied verschiedener Beiräte sowie eines Aufsichtsrats. Der Vater von zwei Kindern ist studierter Diplom-Kaufmann der Ludwig-Maximilians-Universität in München sowie zertifizierter Aufsichtsrat der Deutschen Börse. Er verfügt über jahrelange Erfahrung in verschiedenen Unternehmensberatungen und operativen Führungsfunktionen.
Lange Zeit galt die Koehler-Gruppe als „Hidden Champion“. Hat sich die Sichtbarkeit und Wahrnehmung mittlerweile verändert?
Frank Lendowski — Wir sind stetig gewachsen und haben mit dem Einstieg in die flexiblen Verpackungspapiere auch Märkte betreten, die eine starke Aufmerksamkeit genießen und in denen wir als Unternehmen bisher nicht bekannt waren. Das macht uns sichtbarer. Erst kürzlich wurde uns für unsere herausragenden unternehmerischen Leistungen und zum Dank für besondere Verdienste um die baden-württembergische Wirtschaft von Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut die Wirtschaftsmedaille des Landes verliehen. Die Ministerin würdigte uns „als das, was ohne Frage mit zum Besten von Baden-Württemberg gehört“. Das ist eine große Ehre für uns als Unternehmen – und ein großes Lob für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die jeden Tag hervorragende Arbeit leisten.
Wir sind in den jeweiligen Regionen fest verankert und zugleich auf den Weltmärkten zu Hause.
Wir sind in den jeweiligen Regionen fest verankert und zugleich auf den Weltmärkten zu Hause.
Vorstand Finanzen & Verwaltung
Frank Lendowski, 1960 in Dortmund geboren, kam im September 2010 zunächst als Finanzdirektor zur Koehler-Gruppe und übernahm Anfang 2011 als Vorstand den Bereich Finanzen & Verwaltung. Zuvor verantwortete er viele Jahre als kaufmännischer Geschäftsführer bei einem international tätigen Luxus-Küchenmöbelhersteller unter anderem die Bereiche Finanz- und Rechnungswesen, Controlling, Personalwesen und IT. Während seiner gesamten beruflichen Laufbahn war der Vater von zwei Kindern in Familienunternehmen tätig.
Wie bleibt die Koehler-Gruppe auch in herausfordernden gesamtwirtschaftlichen Zeiten beständig?
Frank Lendowski — Wir sind mit unseren Standorten in den jeweiligen Regionen fest verankert und zugleich auf den Weltmärkten zu Hause. Wir stehen für Beständigkeit und gelebte Familientradition in der 8. Generation – vor allem aber auch für langfristige Entscheidungen. Die Absatzmengen der Papierindustrie sind in den vergangenen Jahren signifikant zurückgegangen. Aufgrund unserer Positionierung mit Spezialpapieren in Nischenmärkten und unserer Denkweise in Generationen haben wir die Situation vergleichsweise gut gemeistert. Unsere Eigenkapitalquote ist überdurchschnittlich hoch, unsere Finanzierungsstruktur gesund. Das macht uns unabhängig in unseren Entscheidungen.
Dr. Stefan Karrer, Philipp Prechtl, Kai Furler und Frank Lendowski (v. l.).